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Alt 30.12.14, 08:07
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TomS TomS ist offline
Singularität
 
Registriert seit: 04.10.2014
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Standard AW: Ist die Stringtheorie eine Theorie?

Zitat:
Zitat von Marco Polo Beitrag anzeigen
Aber selbst wenn es sich so verhalten sollte, bliebe m.W. immer noch das Problem mit den CY-Räumen.
Ich sehe das als vergleichsweise kleines Problem an.

CY-Räume innerhalb einer Stringtheorie (o.a. Kompaktifizierungen) wären dann evtl. soetwas wie verschiedene Eichgruppen, Fermion-Generationen usw. Niemand außer der Natur selbst sagt dir, welche Eichgruppe du für das Standardmodell benutzen sollst. Im Rahmen der Stringtheorie hast du die Wahl nicht zwischen Theorien, sondern zwischen Lösungen einer einzigen Theorie. Welche davon realisiert ist, sagt dir die Theorie auch nicht (das Standardmodell lässt Wasserstoff, Hefeweizen und Schweinebraten als Lösungen zu, sagt dir aber nicht, welche Lösung wann und wo existiert).

Wenn man eine Stringtheorie als Framework benutzt, um unser Universum sowie mögliche andere als Lösungen davon zu betrachten, dann ist dagegen erst mal nichts einzuwenden. Das Problem, über das wir hier sprechen, ist ja die Vorhersagekraft der Theorie. Wenn es sich so verhält wie gerade eben beschrieben, und wenn wir in der Lage sind, eine Lösung der Theorie zu finden, die dem Standardmodell plus Gravitation mit/ohne SUSY usw. entspricht, dann haben wir evtl. eine sehr komplexe Theorie, um dieses eine unser Universum zu beschreiben. Dann stellt sich auch nicht die Frage ob richtig oder falsch, nur ob praktisch oder nicht; und ggf. käme Ockham's razor zum Einsatz. Oder die Theorie bzw. die Lösung enthält tatsächlich mehr, insbs.
eine UV-vollständige Theorie inkl. Gravitation ohne Unendlichkeiten und Singularitäten. Dann hätte diese Theorie bzw. Lösung einen echten Mehrwert und wäre prinzipiell testbar.

Die Stringtheorie hat aber darüber hinaus das viel größere Problem, dass es diese eine Theorie gar nicht gibt, sondern dass wir es mit einer Ansammlung von Theorien, Formulierungen, Regeln und Beziehungen (Dualitäten) zu tun haben, die wir ggw. nur ansatzweise verstehen. Es fehlt schlichtweg ein fundamentales Prinzip. Es gibt also "die Stringtheorie" gar nicht.

(s.o. die Zitate)

Und nun kommen wir zu einem psychologischen Problem; da haben ja mehrere Physiker schon genügend Kritik abgeladen; siehe auch [1] - [3] in dem von dir verlinkten Artikel: einige Stringtheoretiker werfen offensichtlich die Flinte ins Korn und wollen die Theorie und ihre Resultate als ontologische Tatsache verstanden wissen. Demzufolge existiert die Landscape, ein Multiversum, alle diese verschiedenen Kompaktifizierungen, und es existieren antropische o.a. Selektionsprinzipien, denenzufolge wir uns in gerade diesem (oder einem ähnlichen) Universum befinden müssen. Und das kann und darf angesichts des Status' der Theorie einfach nicht sein! Wie kann man Näherungen an eine Ansammlung von unfertigen Theorien ohne experimentellen Beleg als tatsächlich existierend bezeichnen? Und wie kann man behaupten, diese Ansammlung ohne fundamentale Formulierung und ohne fundamentales Prinzip wäre nun gerade das fundamentale Prinzip? Das ist doch in hohem Maße unseriös. Ich kann man das nur durch einen psychologisch motivierten Tunnelblick erklären: zwei Generationen (!) von Forschern, die teilweise nichts anderes kennen als Strings, sollen selbstkritisch genug sein, um gerade diese Strings in Frage zu stellen. Das wird nicht bei allen auf fruchtbaren Boden fallen.

Meine o.g. Meinung stellt in gewisser Weise einen Kompromiss dar: die Stringtheorie nicht als Theorie mit real existierenden Lösungen, sondern als noch sehr unfertiges Framework, als Forschungsprojekt, das trotz eines enormen Forschungsaufwandes scheitern kann (weil es inkonsistent ist, weil es zu kompliziert ist, weil man die Mathematik nicht versteht, weil man keine realistischen Lösungen findet, ...).
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«while I subscribe to the "Many Worlds" theory which posits the existence of an infinite number of Toms in an infinite number of universes, I assure you that in none of them am I dancing»
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