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Alt 07.08.18, 20:40
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TomS TomS ist offline
Singularität
 
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Standard AW: Kann man Everetts "reine Quantenmechanik" noch weiter ignorieren?

Zitat:
Zitat von Timm Beitrag anzeigen
Der schleichende Übergang liefert kein prinzipielles Wissen ...
Das habe ich auch nicht behauptet. Ich weiß nicht mal, was prinzipielles Wissen in der Physik sein sollte. Ich habe lediglich behauptet, dass es sicher nicht prinzipiell ausgeschlossen ist, darüber praktisches Wissen zu erwerben.


Zitat:
Zitat von Timm Beitrag anzeigen
Zitat:
So man heute eine Kollaps fordern würde, kann man evtl. morgen schon ein kohärentes, interferenzfähiges System präparieren und kontrollieren
Mir ist nicht klar, was Du hier sagen möchtest.
Zwei Dinge:

Erstens möchte ich damit sagen, dass wir immer weiter darin voranschreiten, größere Systeme über längere Zeiträume kohärent zu halten, bzw. uns zu entscheiden, ob und wie lange wir sie kohärent halten. Immer wenn wir das tun, stoßen wir in Bereiche vor, für die wir bis zu diesem Zeitpunkt einen Kollaps hätten postulieren können, weil die zeitliche Auflösung des Experimentes nicht ausreichend war, für die wir aber nun keinen Kollaps mehr postulieren dürfen. D.h. der Kollaps ist offensichtlich auf bestimmte Regime beschränkt, und diese sind nicht in Stein gemeißelt.

Nach

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Deko...3%A4renzzeiten

könnten Systeme im Mikrometerbereich in Reichweite sein.

Das Kollapspostulat wäre dann zukünftig dahingehend abzuwandeln, dass ein Kollaps postuliert wird, außer wenn X; X steht dabei für die Systemgröße sowie Umgebungsbedingungen. Dies zeigt, dass an der Idee des Kollapses und der künstliche Trennung zwischen Quantensytem und Messgeräte sowie deren Skalen irgendetwas faul ist.

Ich denke aber, das habe ich in den vorigen Beiträgen hinreichend diskutiert.

Zweitens möchte ich damit sagen, dass sich diese Problemstellungen und Überlegungen durchaus mit wissenschaftlichen Methoden vereinbaren lassen. Dies gilt insbs. für den Everettsche Ansatz, da er gerade nicht einen Kollaps postuliert, immer dann, wenn es opportun ist, sondern immer die selben quantenmechanischen Grundregeln zugrunde legt. Damit Everett zumindest prinzipiell falsifizierbar. Es wäre z.B. möglich, bei immer größeren Systemen, Skalen und Zeiten zu prüfen, ob weiterhin die oben verlinkten a Dekohärenzzeiten zutreffen und ob deutlich unterhalb dieser Zeiten weiterhin Kohärenz - also Interferenzfähigkeit - besteht. Wenn ja, dann ist das ein Indiz für Everett; wenn nein, dann ist das ein Indiz für den orthodoxen Kollaps und eine Widerlegung Everetts.

Klar, das funktioniert nicht mit Kanonenkugeln.


Zitat:
Zitat von Timm Beitrag anzeigen
Hier ging es um Deine Feststellung "Wissenschaftlich wäre es, wenn man an der Falsifizierbarkeit und der experimentellen Unterscheidbarkeit zwischen orthodoxer und Everettscher Quantenmechanik arbeiten würde."

Die beiden Punkte würde ich gern besser verstehen. Nehmen wir als Beispiel Zeilinger's Dekohärenz Experimente. Mit zunehmender Temperatur der C70 Fullerene nimmt die Kohärenz ab (abgestrahlte Photonen interagieren mit der Umwelt) und wird das Interferenzbild unschärfer. Das wäre wohl soweit nach meinem Verständnis (1). (2) verstehe ich nicht. Wie will man die Dekohärenz verhindern, wenn man das System mit der Umwelt interagieren läßt. Im Beispiel wird die Dekohärenz gerade dann verhindert, wenn keine Interaktion mit der Umwelt stattfindet.

Und was haben derartige Experimente in einer Welt mit Phänomenen in allen möglichen Welten zu tun und mit der "Falsifizierbarkeit und der experimentellen Unterscheidbarkeit zwischen orthodoxer und Everettscher Quantenmechanik"?
Zunächst mal muss man die Dekohärenz nicht vollständig verhindern sondern gezielt untersuchen, z.B. durch unterschiedliche Grade der Abschirmung oder Kühlung.

Bzgl. der Phänomene in “allen Welten” ist das ganz einfach - und ich bitte dich dringend, dir nochmal mein Beispiel zum Zwei-Wege-Experiment mit einem Photon durchzulesen: wir führen derartige Experimente seit Jahrzehnten mit mikroskopischen Sytemen durch, d.h. wir arbeiten praktisch mit einer - bzgl. der Anzahl der Freiheitsgrade - Mini-Version dieser Welten. Und wir bestätigen damit seit Jahrzehnten Everetts Ansatz!

Im Laufe der Jahrzehnte war es uns möglich, zu immer komplexeren Systemen überzugehen und die durchgehende Existenz dieser Zweige experimentell abzusichern, denn jedes Interferenzphänomen bestätigt trivialerweise diese mathematische Zweigstruktur! Bzw. jedes Interferenzphänomen schließt einen realen Kollaps explizit aus. Wir reduzieren also schrittweise das Regime, innerhalb dessen wir einen Kollaps überhaupt im Einklang mit den beobachtbaren Phänomen postulieren können.

In meinem Beispiel habe ich den Zustand |a> eines Atoms durch den Zustand |A> eines Messgerätes ersetzt. Wir müssen streng genommen noch die Umgebung mit einbeziehen, d.h. |a, ...> mit genügender Abschirmung sowie ausreichender zeitlicher Auflösung betrachten; dann bleiben |a,a*> usw. interferenzfähig. Genauso können wir auch bei |A,...> argumentieren. Tatsächlich ist es uns heute möglich, komplexere Systeme als Atome zur Interferenz zu bringen, d.h. |a,...> steht schon heute praktisch für eine mini-Version von |A,...>. Zwischen beiden besteht kein prinzipieller Unterschied, weder mathematisch noch experimentell.

Wir verifizieren Everett also bei jeder Vergrößerung von |a> und bei jeder schwächeren Abschirmung von |...>. Und damit falsifizieren automatisch den Kollaps für all diese Anordnungen; das ist seit Jahren Fakt. Wenn unsere technischen Fähigkeiten voranschreiten, werden wir den Gültigkeitsbereich des Kollapses weiter reduzieren und die Everettsche Interpretation in immer größeren Maßstäben verifizieren. Damit ist die Everettsche Quantenmechanik prinzipiell falsifizierbar, sie ist explizit in gewissen Regimen verifiziert, während der Kollaps in genau diesen Systemen falsifiziert ist. Beide sind demnach der wissenshaftlichen Methode zugänglich, aber der Kollaps schneidet zunehmend schlechter ab :-)
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Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.

Geändert von TomS (07.08.18 um 21:21 Uhr)
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